Ein KI-Kompass für die Gruppe: wie Fachkräfte mit Jugendlichen Orientierung und Regeln erarbeiten
Für Lehrkräfte und Fachkräfte der Jugendarbeit, die mit einer Gruppe über KI sprechen wollen, liegt zwischen Vortrag und Verbot eine andere Möglichkeit: die Jugendlichen ihren eigenen Umgang einordnen lassen und mit ihnen Regeln daraus ableiten. Das Werkzeug dafür ist ein Kompass, also eine kleine Zahl von Orientierungsfragen, an denen jede Person für sich festhält, wo sie steht. Die Fachkraft moderiert das Gespräch und sorgt dafür, dass am Ende Vereinbarungen stehen, die die Gruppe versteht und mitträgt.
Ein Kompass zeigt eine Richtung, keinen Punktestand.
Wer Jugendliche ihren Umgang mit KI einordnen lässt, statt ihn zu bewerten, fragt nach dem Standort und nicht nach der Leistung. Die Regeln, die daraus entstehen, hat die Gruppe selbst formuliert.
Warum ein Kompass und kein Kompetenztest
Ein Test legt nahe, dass es eine richtige Antwort und eine Rangfolge gibt; ein Kompass fragt nur, wo jemand steht und wohin er will. Für das Gespräch über KI macht das einen Unterschied. Ein Test mit Stufen wie „Einsteiger“ und „Experte“ belohnt, wer viel nutzt und die Fachbegriffe kennt. Häufige Nutzung und Verständnis sind aber zwei verschiedene Dinge: Wer täglich mit einem Chatbot arbeitet, muss nicht wissen, wie er seine Antworten erzeugt, und wer ihn nie öffnet, kann gute Gründe dafür haben.
Was ein Selbsttest „Wie fit bist du?“ auslöst
Die Fragen legen nahe, dass es eine gute und eine schlechte Antwort gibt. Wer wenig nutzt, steht als rückständig da, wer viel nutzt, als kompetent. Das Ergebnis ist eine Einstufung, aus der für die Gruppe nichts folgt.
Was ein Kompass in der Gruppe auslöst
Jede Person hält zu jeder Richtung fest, wo sie steht, ohne dass ein Standort besser ist als ein anderer. Das Ergebnis ist ein Bild der Gruppe, aus dem sich Fragen und Vereinbarungen ableiten lassen.
Daraus folgt eine Grundregel für den Einsatz: Was die Jugendlichen im Kompass festhalten, fließt in keine Note und keine Beurteilung ein. Sobald das nicht mehr gesichert ist, wird aus der Selbsteinschätzung wieder ein Test.
Vier Richtungen, an denen sich Jugendliche verorten
Der Kompass hat vier Richtungen: wie jemand KI nutzt, wie er sie versteht, woher er sein Wissen darüber hat und was er dabei abwägt. Jede Richtung ist eine eigene Frage, und keine ist wichtiger als die andere. Damit sich ein Standort festhalten lässt, bekommt jede Richtung eine Achse mit zwei Polen, etwa „nutze ich nie“ bis „nutze ich täglich“ bei der Nutzung oder „kann ich nicht erklären“ bis „kann ich jemandem erklären“ beim Verständnis. Bei den Wissensquellen tritt eine Auswahl an die Stelle der Achse: Jede Person markiert die Quellen, aus denen ihr Bild von KI vor allem stammt.
Nutzung
Wofür, wann und wie selbstverständlich jemand zu einem KI-Werkzeug greift, und wofür bewusst nicht. Hier beginnt das Gespräch, weil jede Person etwas dazu sagen kann, auch wer KI nicht bewusst nutzt.
Verständnis
Welche Vorstellung jemand davon hat, wie ein KI-Werkzeug zu seinen Antworten kommt. Es geht nicht um Fachbegriffe, sondern darum, ob die eigene Erklärung trägt, wenn eine Antwort falsch ist.
Wissensquellen
Woher stammt, was jemand über KI zu wissen glaubt: Unterricht, Erklärvideos, Freunde, Familie, soziale Netzwerke, die Werbung der Anbieter. Die Quelle prägt das Bild davon, was KI kann.
Abwägen
Was jemand gewinnt und was er abgibt, wenn eine Aufgabe an ein Werkzeug geht: die eigene Übung, die eigene Formulierung, Daten über sich und andere. Auch der Energieaufwand und die Frage, was KI für die eigene berufliche Zukunft bedeutet, gehören hierher.
Die Richtung „Wissensquellen“ verdient eigene Aufmerksamkeit, weil sie nicht nach dem Werkzeug fragt, sondern nach dem Bild, das sich jemand davon gemacht hat. Wer seine Vorstellung von KI vor allem aus Videos von Anbietern oder Begeisterten hat, kann mehr erwarten, als ein Werkzeug leistet; wer sie aus Schlagzeilen über Gefahren hat, weniger. Beides lässt sich in der Gruppe sichtbar machen, ohne dass jemand bloßgestellt wird.
Wie eine Kompass-Sitzung abläuft
Eine Sitzung führt in vier Schritten vom eigenen Standort zur gemeinsamen Vereinbarung, und die Reihenfolge zählt: Regeln, die vor dem Bild der Gruppe stehen, beruhen auf der Vermutung der Fachkraft, nicht auf dem, was die Gruppe über sich festgehalten hat.
Für sich verorten
Jede Person hält zu jeder Richtung ihren Standort fest, schriftlich und ohne Namen, etwa auf einer Karte, die eingesammelt wird und deren Markierungen die Fachkraft auf ein Plakat je Richtung überträgt. Niemand muss vor der Gruppe zeigen, wo er steht.
Das Bild der Gruppe ansehen
Die Fachkraft legt die Ergebnisse offen und fragt, was auffällt: Wo liegen die Punkte weit auseinander, wo eng beieinander? Die Unterschiede sind der Stoff für das Gespräch, nicht die Durchschnittswerte.
Regeln ableiten
In Kleingruppen formulieren die Jugendlichen zu den Richtungen, in denen das Gespräch etwas zutage gefördert hat, je eine Vereinbarung in eigenen Worten. Die Gruppe entscheidet, welche sie übernimmt. Die Gruppe beschränkt sich sinnvoll auf so wenige Regeln, dass sie sich im letzten Schritt einzeln überprüfen lassen.
Festhalten und wieder aufnehmen
Die Vereinbarungen hängen sichtbar im Raum oder stehen dort, wo die Gruppe ohnehin kommuniziert. Nach einigen Wochen verortet sich die Gruppe erneut und prüft, welche Regel sich bewährt hat und welche niemand mehr beachtet.
Am letzten Schritt hängt, ob aus der Sitzung mehr wird als eine Einheit zum Thema KI: Mit ihm wird der Kompass zu einem Werkzeug, mit dem die Gruppe ihren Umgang über die Zeit beobachtet.
Vom Kompass zur Regel
Eine Regel, die aus dem Kompass entsteht, beantwortet eine Frage, die sich die Gruppe tatsächlich gestellt hat. Die folgende Übersicht zeigt je Richtung eine Frage, mit der die Fachkraft das Gespräch öffnen kann, und eine Vereinbarung, die daraus folgen kann. Sie ist ein Beispiel, keine Vorlage: Die Regeln, die eine Gruppe übernimmt, formuliert sie selbst.
| Richtung | Frage an die Gruppe | Mögliche Vereinbarung |
|---|---|---|
| Nutzung | Wofür nutzen wir KI, und wofür haben wir uns bewusst dagegen entschieden? | Wer für eine gemeinsame Arbeit KI eingesetzt hat, sagt, wofür. |
| Verständnis | Wie erklären wir uns, dass ein Chatbot eine Antwort gibt, die falsch ist und trotzdem überzeugend klingt? | Was ein Chatbot schreibt, gilt als Entwurf, bis jemand es geprüft hat. |
| Wissensquellen | Woher wissen wir, was KI kann? Wer hat es uns gezeigt, und hatte diese Person ein Interesse daran? | Wer eine Behauptung darüber weitergibt, was KI kann, sagt dazu, woher sie stammt. |
| Abwägen | Was geben wir ab, wenn wir eine Aufgabe an ein Werkzeug geben, und was davon wollen wir behalten? | Wer eine Aufgabe zum Üben bekommen hat, schreibt den ersten Entwurf selbst und zieht ein Werkzeug erst danach hinzu. |
Wie Jugendliche eine Modellantwort prüfen und warum ein Sprachmodell keine Quelle ist, beschreibt unser Artikel Sprachmodell oder Suchmaschine im Unterricht.
Nicht jede Regel steht zur Abstimmung. Was Schule, Träger oder Land vorgeben, etwa zum Datenschutz oder zu zugelassenen Werkzeugen, bringt die Fachkraft vor dem Ableiten ein, als Rahmen, innerhalb dessen die Gruppe entscheidet. Dasselbe gilt für den Schutz anderer: Was mit Bildern oder Angaben von Mitschülerinnen und Mitschülern geschieht, kann eine Mehrheit nicht für die Betroffenen entscheiden. Wer diesen Rahmen offen benennt, statt ihn hinter einer scheinbar freien Abstimmung zu verstecken, bleibt für die Gruppe glaubwürdig.
Über Zukunft und Arbeit sprechen, ohne Prognosen zu verkaufen
Die Frage, was KI für die eigene berufliche Zukunft bedeutet, gehört in den Kompass, aber die Fachkraft beantwortet sie nicht an Stelle der Jugendlichen. In einer Gruppe können Gelassenheit und Sorge nebeneinanderstehen, und beides hat Gründe. Wer eine Prognose über Berufe mit oder ohne Zukunft vorträgt, ersetzt die Unsicherheit der Jugendlichen durch die eigene Gewissheit, die niemand hat.
Tragfähiger ist es, die Frage zu verschieben: von „Welche Berufe gibt es noch?“ zu „Was will ich können, das ich nicht an ein Werkzeug abgebe?“. Darauf kann jede Person eine eigene Antwort finden, und sie führt zurück zur Richtung „Abwägen“. Was dabei an Urteilskraft gefragt ist und wie Unterricht und Jugendarbeit sie üben, beschreibt unser Artikel Urteilskraft in der Schule.
Was der Kompass nicht leistet
Der Kompass ist ein Gesprächsanlass, kein Messinstrument. Er sagt nichts darüber aus, wie kompetent eine einzelne Person mit KI umgeht, und taugt nicht als Grundlage für eine Beurteilung, eine Gruppeneinteilung oder einen Bericht an Eltern. Er ersetzt auch keine Medienbildung: Wo die Gruppe merkt, dass ihr eine Erklärung fehlt, etwa dazu, wie ein Sprachmodell Text erzeugt, ist das der Anlass für eine eigene Einheit, nicht für einen Exkurs in der Kompass-Sitzung.
Deutet sich im Gespräch eine Belastung oder Gefährdung an, gehört sie nicht in die Gruppe, sondern in das Verfahren, das Ihre Einrichtung für solche Hinweise vorsieht.
Wenn Sie den Kompass für Ihr Kollegium oder Ihr Team in der Jugendarbeit anpassen wollen, sprechen Sie uns an.




