Zum Hauptinhalt springen
Urteilskraft in der Schule: was zu lernen bleibt, wenn KI die Ausführung übernimmt
Titelbild mit KI erzeugt (Google Gemini)
Alle Artikel

Urteilskraft in der Schule: was zu lernen bleibt, wenn KI die Ausführung übernimmt

Maren Sahlmüller7 Min. Lesezeit

Für Lehrkräfte, Schulleitungen und Fachkräfte der Jugendarbeit stellt sich mit KI-Werkzeugen eine Frage, die über Nutzungsregeln hinausgeht: Was sollen junge Menschen lernen, wenn ein Werkzeug die Ausführung einer Aufgabe übernehmen kann? Recherchieren, zusammenfassen, gliedern, formulieren: Für all das gibt es Werkzeuge, und KI-Agenten arbeiten mehrere solcher Schritte selbstständig hintereinander ab. Was sich an sie nicht abgeben lässt, ist das Urteil darüber, ob das Ergebnis stimmt, ob es passt und wer dafür einsteht.

Ein Werkzeug kann eine Aufgabe erledigen. Ob das Ergebnis taugt, beurteilt ein Mensch.

Wer Urteilskraft fördern will, stellt Aufgaben, in denen genau dieses Beurteilen die Leistung ist.

Was sich verschiebt, wenn Werkzeuge die Ausführung übernehmen

Es verschiebt sich, worin die eigene Leistung besteht: weniger im Herstellen, mehr im Entscheiden darüber, was vom Hergestellten gilt. Wer einen Entwurf, eine Gliederung oder eine Argumentliste von einem Werkzeug bekommt, steht vor Fragen, die vorher im Herstellen verborgen waren: Was übernehme ich, was ändere ich, was lasse ich weg? An diesen Entscheidungen setzt Lernen an.

Was sich an ein Werkzeug abgeben lässt

Informationen sammeln, Optionen vergleichen, Texte entwerfen und überarbeiten, Material in Form bringen, Routinearbeit wiederholen. Die Ergebnisse klingen plausibel, sind aber nicht deshalb richtig.

Was beim Menschen bleibt

Entscheiden, welches Ergebnis gilt, und dafür einstehen. Abwägen, wenn Ziele sich widersprechen. Den Zusammenhang kennen, der in keinem Datensatz steht. Werte setzen und die Folgen einer Entscheidung tragen.

Was beim Menschen bleibt, ist keine Vorhersage darüber, was Technik einmal können wird, sondern eine Frage der Zuständigkeit. Auch wenn ein System eine Bewertung vorschlägt oder eine Entscheidung vorbereitet, trägt die Verantwortung der Mensch, der sie übernimmt. Für die Leistungsbewertung halten die Länder das ausdrücklich fest: Nach der Handlungsempfehlung der Bildungsministerkonferenz vom 10. Oktober 2024 ist Leistungsbewertung „eine pädagogische und hoheitliche Aufgabe, die als Verwaltungsakt im schulischen Kontext ausschließlich von Lehrkräften erfüllt werden kann“.

Was Urteilskraft im Umgang mit KI umfasst

Urteilskraft heißt hier: ein Ergebnis prüfen, zwischen Möglichkeiten abwägen und eine Entscheidung treffen, für die man einsteht, auch wenn nicht alles bekannt ist. Das ist kein Talent, sondern eine Fähigkeit, die sich in Teilen üben lässt.

Ergebnisse hinterfragen

Nicht übernehmen, was ein Werkzeug liefert, sondern prüfen: Stimmt das, woher stammt es, was fehlt? Die Frage gilt einer Modellantwort genauso wie einer Website.

Unsicherheit aushalten

Sprachmodelle liefern plausible, aber keine gesicherten Ergebnisse. Junge Menschen lernen, dass „ich weiß es nicht sicher“ ein zulässiger Zwischenstand ist und trotzdem entschieden werden muss.

Zielkonflikte erkennen

Zwei Lösungen können beide vertretbar sein und Unterschiedliches gewichten. Wer das sieht, fragt nicht nach der einen richtigen Antwort, sondern danach, was jede Möglichkeit kostet.

Verantwortung übernehmen

Erklären können, warum etwas so entschieden wurde, auch wenn ein Werkzeug geholfen hat. Der Satz „das hat die KI gemacht“ beendet keine Diskussion.

Eine Übung dafür braucht kein Werkzeug. Statt „Was ist die richtige Antwort?“ fragt die Aufgabe: „Welche Möglichkeiten gibt es, und was spricht jeweils dagegen?“

Wie Aufgaben Urteilskraft verlangen

Eine Aufgabe übt Urteilskraft, wenn ihr Kern das Prüfen, Abwägen oder Begründen ist und nicht das Erzeugen eines Textes. Bewährte Formate lassen sich dorthin verschieben, ohne sie aufzugeben:

Aufgabe Was ein Sprachmodell abnimmt Was Urteil verlangt
Stellungnahme eine begründete Position zwischen zwei vertretbaren Positionen entscheiden und benennen, was die verworfene besser gewichtet hätte
Erörterung Argumente dafür und dagegen die Argumente gewichten und die eigene Entscheidung gegen einen Einwand verteidigen
Projektarbeit Plan, Texte, Präsentation festhalten, wo das Werkzeug eingesetzt wurde, was verworfen wurde und warum

Wie sich Sprachmodell und Suchmaschine bei der Quellenarbeit unterscheiden und was daraus für Rechercheaufgaben folgt, beschreibt unser Artikel Sprachmodell oder Suchmaschine im Unterricht.

Den Weg bewerten, nicht nur das Produkt

Wo das Produkt wenig über das Verstehen verrät, trägt die Bewertung des Wegs mehr. Die Handlungsempfehlung der Bildungsministerkonferenz vom 10. Oktober 2024 geht in diese Richtung: „So gilt es im Sinne des formativen Assessments die Bewertung weg von der Produkt- hin zur Prozessorientierung zu lenken, wobei der Reflexion durch die Lernenden eine entscheidende Rolle zugesprochen wird.“ Für die Entwicklung neuer Prüfungsformate empfehlen die Länder, bei Produkten, die mit KI erstellt wurden, in der Präsentation und insbesondere in der Verteidigung auch die Fähigkeit zu berücksichtigen, die Ergebnisse zu reflektieren. Prüfungsformate, die „juristisch nicht einwandfrei die in der Aufgabe geforderte eigenständige Leistung gewährleisten“, werden nach der Empfehlung „abgeschafft oder grundlegend weiterentwickelt“. Zugleich halten die Länder fest, dass nicht jedes Prüfungsformat alle Kompetenzbereiche abdecken muss und dazu ausdrücklich bewährte Formate gehören, „die der didaktischen Überprüfung standhalten“.

Für den Unterricht heißt das nicht, dass schriftliche Arbeiten pauschal entfallen, wohl aber, dass jedes Format daran zu messen ist, ob es die eigenständige Leistung noch erkennen lässt. Wo ein schriftliches Ergebnis das allein nicht mehr leistet, lässt sich ihm ein Arbeitsprotokoll oder eine kurze Verteidigung zur Seite stellen, in der offenliegt, was übernommen, geändert und verworfen wurde. Ein Werkzeug kann einen Text liefern und eine Begründung dazu; ob jemand die Entscheidungen selbst getroffen hat, zeigt sich, wenn im Gespräch nachgefragt wird.

Stand der Angaben

Die Aussagen zur Leistungsbewertung folgen der Handlungsempfehlung der Bildungsministerkonferenz vom 10. Oktober 2024.

Vier Fragen, die Systemdenken üben

Systemdenken heißt, über die einzelne Antwort hinaus zu fragen, wie sie zustande kam und was an ihr hängt. Vier Fragen lassen sich an jede Modellantwort, jede Nachricht und jedes Rechenergebnis stellen:

  • Woher kommt diese Information? Eine Aussage ohne Herkunft ist eine Behauptung, egal wie sicher sie formuliert ist.
  • Wer profitiert von diesem Ergebnis? Auch Werkzeuge stammen von Anbietern mit eigenen Interessen, und Quellen haben Absender.
  • Was ändert sich, wenn eine Annahme nicht stimmt? Wer eine Voraussetzung austauscht und das Ergebnis neu durchdenkt, sieht, wie belastbar es ist.
  • Was folgt über den ersten Schritt hinaus? Eine Entscheidung wirkt zurück auf die, die sie betrifft, und die Rückwirkung gehört in die Abwägung.

Dieselben Fragen taugen als Gerüst für die Verteidigung einer Arbeit, wie sie der vorige Abschnitt beschreibt.

Was die Jugendarbeit beitragen kann

Jugendarbeit bietet Situationen, in denen junge Menschen echte Entscheidungen treffen und deren Folgen erleben. Wer eine Veranstaltung plant, ein Budget verteilt oder einen Konflikt in der Gruppe löst, übt Urteilskraft an einer Sache, die zählt. KI-Werkzeuge können dabei mitarbeiten, etwa beim Entwurf eines Plans oder einer Einladung. Die Fachkraft achtet darauf, dass die Entscheidung bei der Gruppe bleibt und jemand erklären kann, warum ein Vorschlag des Werkzeugs übernommen oder verworfen wurde. Eine Entscheidung, die sich als falsch herausstellt, wird zum Lernanlass, wenn die Gruppe sie bespricht, statt dass jemand sie stillschweigend korrigiert.

Was weniger Gewicht verdient

Die Bedienung eines bestimmten Werkzeugs und Sammlungen von Prompt-Rezepten tragen nur so lange, wie es dieses Werkzeug in dieser Form gibt. Sie haben ihren Platz, etwa wenn eine Schule ein Werkzeug einführt, aber sie ersetzen nicht das Üben von Prüfen und Abwägen. Davon zu unterscheiden sind informatische Grundlagen: Wer versteht, wie ein Sprachmodell Text erzeugt, weiß, warum ein flüssiger Satz nichts über seine Richtigkeit sagt, und dieses Verständnis ist selbst eine Grundlage des Urteilens. Wer Fortbildungszeit verteilt, setzt sie sinnvoll dort ein, wo sie über den nächsten Werkzeugwechsel hinaus wirkt.

Wo Schulleitungen ansetzen

Urteilskraft ist keine Aufgabe eines einzelnen Fachs, und eine Schule, die sie fördern will, beginnt sinnvoll bei einer gemeinsamen Verständigung.

Im Kollegium verständigen

Was soll eine Schülerin, ein Schüler am Ende einer Aufgabe zeigen können, wenn das Werkzeug den Text liefern kann? Mit einer gemeinsamen Antwort muss nicht jede Lehrkraft für sich neu entscheiden.

Aufgabenformate durchsehen

Je Fach einige wiederkehrende Aufgaben daraufhin prüfen, ob ein Sprachmodell sie vollständig erledigt, und sie so umbauen, dass Prüfen, Abwägen oder Begründen den Kern bilden.

Bewertung anpassen

Gespräch, Verteidigung oder Arbeitsprotokoll als festen Teil der Bewertung vereinbaren, im Rahmen dessen, was die Vorgaben Ihres Landes zulassen.

Wenn Sie für Ihr Kollegium oder Ihr Team in der Jugendarbeit eine Fortbildung zur Förderung von Urteilskraft im Umgang mit KI planen, sprechen Sie uns an.

Teilen: