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Vom Chatfenster zum Agenten: sechs Reifegrade von KI-Systemen
Titelbild mit KI erzeugt (Google Gemini)
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Vom Chatfenster zum Agenten: sechs Reifegrade von KI-Systemen

Maren Sahlmüller5 Min. Lesezeit

Wenn Ihrem Betrieb drei Anbieter „KI“ verkaufen wollen, können das drei verschiedene Dinge sein. Der eine meint ein Chatfenster, der zweite einen Assistenten, der Ihre Unterlagen kennt, der dritte ein System, das selbstständig Mails beantwortet. Die folgende Landkarte ordnet diese Angebote in sechs Stufen und sagt, was sie von Ihrem Unternehmen verlangen. Reifegrad heißt hier: wie viel das System selbst tut, nicht wie gut es ist.

Mit jeder Stufe ändert sich die Frage, die Sie stellen müssen.

Unten lautet sie: Wie gut ist die Antwort? Oben lautet sie: Was darf das System tun, ohne zu fragen?

Die sechs Stufen

Wie viel das System ohne Sie tut1Sprachmodell2Assistent mit Rolle3Assistent mit Firmenwissen4Assistent mit Werkzeugen5Mehrere Agenten6Autonomer BetriebDatenRechte · Aufsicht

Schematisch: Mit jeder Stufe tut das System mehr ohne Sie. Ab Stufe drei entscheidet die Datenlage, ab Stufe vier brauchen Sie Regeln für Rechte und Aufsicht.

Die Stufen unterscheiden sich darin, wie viel das System ohne Sie tut.

Sprachmodell

Ein Modell beantwortet Fragen aus dem, was es im Training gelernt hat. Es kennt Ihr Unternehmen nicht und weiß nichts, was nach seinem Trainingsstand geschah. Gut für Entwürfe, Zusammenfassungen und Formulierungshilfe, also für alles, was ein Mensch danach ohnehin liest.

Assistent mit Rolle

Dasselbe Modell bekommt eine feste Anweisung, wer es sein soll und wie es antworten soll: als Prüfer von Angeboten, als Übersetzer mit Ihrer Fachsprache, als Tonfall-Korrektur. Das kostet keine Technik, nur Sorgfalt beim Formulieren.

Assistent mit Firmenwissen

Das System schlägt vor dem Antworten in Ihren eigenen Dokumenten nach, etwa wenn es eine Handwerkerrechnung gegen Ihren Rahmenvertrag prüfen soll. Der Fachbegriff dafür ist Retrieval-Augmented Generation, kurz RAG. Ab hier hängt die Qualität vor allem an Ihrer Datenlage und daran, ob das System die richtige Stelle findet, weniger am Modell. Veraltete oder widersprüchliche Unterlagen werden nicht klüger, nur schneller gefunden.

Assistent mit Werkzeugen

Das System kann nicht nur schreiben, sondern Programme aufrufen: rechnen, im Web suchen, eine Tabelle auswerten, einen Eintrag im Kalender anlegen. Entscheidet es selbst, welches Werkzeug es in welcher Reihenfolge nutzt, um ein Ziel zu erreichen, spricht man von einem KI-Agenten. Hier beginnt die Stufe, auf der ein Fehler nicht mehr nur ein falscher Satz ist, sondern eine falsche Handlung.

Mehrere Agenten

Statt eines Agenten arbeiten mehrere spezialisierte zusammen, etwa indem einer die Aufgabe zerlegt und an die anderen verteilt. Damit übernimmt das System auch die Planung des Ablaufs. Das lohnt sich nur bei Abläufen mit klar getrennten Teilschritten. Es vervielfacht aber auch die Stellen, an denen etwas schiefgehen kann, und macht Fehler schwerer nachzuvollziehen.

Autonomer Betrieb

Das System wird nicht mehr von einem Menschen angestoßen, sondern läuft von selbst, mit einem oder mehreren Agenten: Es überwacht ein Postfach, erkennt Wichtiges und handelt. Technisch ist das machbar. Ob es für Ihren Ablauf verantwortbar ist, entscheidet sich nicht an der Technik, sondern daran, ob Sie die Folgen tragen können, wenn es danebenliegt.

Höher ist nicht besser

Die Stufen sind eine Landkarte, kein Aufstiegsplan. Wer Wissen auffindbar machen will, das bisher in Köpfen und Ordnern steckt, beginnt sinnvoll auf der dritten Stufe, dem Assistenten mit Firmenwissen. Dort entscheidet weiter ein Mensch, und das System liefert ihm die Grundlage.

Jede weitere Stufe bringt Nutzen nur dort, wo ein Ablauf regelmäßig wiederkehrt, klar abgegrenzt ist und sich prüfen lässt. Wo das nicht zutrifft, kaufen Sie mit der höheren Stufe vor allem mehr Aufsicht ein.

Was ein Angebot verspricht

Ein Agent, der Anfragen selbstständig bearbeitet, rund um die Uhr, ohne dass jemand eingreifen muss.

Was Sie dafür klären müssen

Welche Anfragen er beantworten darf und welche nicht. Wer seine Antworten stichprobenartig prüft. Was passiert, wenn er etwas zusagt, das Sie nicht halten können.

Was ab Stufe drei von Ihnen verlangt wird

Daten

Ab Stufe drei entscheidet Ihre Datenlage über die Qualität. Bevor ein System an Ihre Dokumente darf, muss feststehen, welche davon gültig sind und wer sie pflegt.

Rechte

Ab Stufe vier handelt das System in Ihren Programmen. Es braucht dafür Zugänge, und jeder Zugang ist eine Entscheidung darüber, was es im schlimmsten Fall anrichten kann. Sinnvoll sind so wenig Rechte wie möglich, nicht so viele wie bequem.

Aufsicht

Ab Stufe vier sieht niemand mehr zwangsläufig jeden Schritt. Es muss feststehen, wer prüft, wie oft und woran ein Fehler auffällt, bevor er beim Kunden ankommt.

Der EU AI Act fragt nicht nach der Stufe

Die europäische KI-Verordnung (EU AI Act) stuft ein System danach ein, wofür es bestimmt ist und eingesetzt wird, nicht nach seiner technischen Reife. Ein einfacher Assistent, der Bewerbungen sichtet oder filtert, fällt unter Anhang III Nr. 4 Buchst. a und ist damit grundsätzlich ein Hochrisiko-System; nimmt er dabei ein Profiling vor, bewertet er also automatisiert persönliche Merkmale der Bewerber, gilt er nach Art. 6 Abs. 3 Unterabs. 3 immer als hochriskant. Ein autonomer Agent, der Lagerbestände abgleicht, fällt unter keinen der in Anhang III genannten Bereiche. Wichtig für Sie als Betreiber, also als Unternehmen, das KI einsetzt: Wer ein allgemeines Werkzeug wie einen Chat-Assistenten selbst für die Bewerberauswahl einsetzt, kann damit nach Art. 25 Abs. 1 Buchst. c rechtlich zum Anbieter eines Hochrisiko-Systems werden, mit dessen Pflichten. Diese Pflichten gelten für Systeme nach Anhang III ab dem 2. Dezember 2027 (Art. 113 Abs. 3 Buchst. c); die Einstufung lohnt sich trotzdem früher, weil sie bestimmt, was Sie bis dahin vorbereiten müssen.

Rechtsstand: VO (EU) 2024/1689 in der Fassung der VO (EU) 2026/1744, geprüft am 14. Oktober 2026. Dieser Hinweis ersetzt keine Rechtsberatung.

Wie Sie ein Angebot einordnen

Die erste Frage an jedes Angebot lautet: Auf welcher Stufe arbeitet es? Kann ein Anbieter das nicht klar beantworten, lassen sich Aufwand, Risiko und Aufsichtsbedarf nicht einschätzen.

Die Begriffe dahinter, von Retrieval-Augmented Generation bis Agentic AI, erklärt unser KI-Glossar für Führungskräfte. Welche Stufe zu Ihrem Ablauf passt, klären wir in einer Beratung; wie Ihr Team mit jeder Stufe sicher umgeht, ist Inhalt unserer Workshops.

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